BLK-Programm "Neue Lernkonzepte in der dualen Berufsausbildung"

Fachtagung zum Themenschwerpunkt:
Lernfelder in der beruflichen Erstausbildung – Erwartungen, Umsetzungsversuche, offene Fragen -
(25. bis 27. 10.1999 in Ohlstadt, Bayern)

Erste Ergebnisse

Dem Themenschwerpunkt "Lernfelder in der beruflichen Erstausbildung" kommt im Programm "Neue Lernkonzepte in der dualen Berufsausbildung" eine zentrale Bedeutung zu. Etwa ein Drittel der Programmbeiträge entwickelt und erprobt unter vier Aspekten diesen Themenschwerpunkt. Die erste Fachtagung des Programms wendet sich daher in vier Workshops diesen vier Aspekten zu.

  1. Lernfelder und Ordnungsmittel
  2. Lernfelder und Schulorganisation
  3. Lernfelder und Unterrichtsgestaltung
  4. Lernfelder und Lernortkooperation
Zusammenfassung der Tagungsergebnisse

Das von der KMK entwickelte und auf der Ebene von Rahmenlehrplänen eingeführte Lernfeldkonzept beinhaltet wie kaum eine andere bildungsplanerische Initiative der letzten Jahrzehnte ein großes Innovationspotential. Da mit dem Lernfeldkonzept die gefächerten Stundentafeln und die fachsystematisch angelegten Lehrplanstrukturen ersetzt werden, erfordert diese Initiative zwangsläufig neue Lehr- und Lernformen sowie neue fächer- und berufsübergreifende Organisationsformen und Organisationsentwicklungskonzepte in den Berufsschulen, zwischen den Berufsschulen sowie darüber hinaus zwischen Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben. Dem BLK-Programm "Neue Lernkonzepte" kommt bei der Erschließung dieses Innovationspotentials die Rolle zu, das in hohem Maße interpretationsbedürftige Lernfeldkonzept

im Sinne der von der KMK vereinbarten Bildungsprogrammatik für die Berufsschule (1991) umzusetzen.

Die Workshop-Ergebnisse

Die vier Workshops waren als ein Dialog zwischen den Programmbeiträgen, dem Programmträger ( Moderation) und dem Lenkungsausschuss angelegt.

Workshop 1: Lernfelder und Ordnungsmittel

Die Entwicklung von Lernfeldern für eine auf die berufs- und berufsfeldspezifische Arbeitswelt Bezug nehmende Berufsbildungspraxis erfordert Rahmenlehrpläne, die vier Kriterien genügen.

  1. Gestaltungsoffen
  2. Die Rücknahme "verschulter" betrieblicher Berufsbildung und eine Verstärkung des Lernens in qualifizierenden beruflichen Arbeitszusammenhängen (Arbeitsweltbezug) erfordert Rahmenlehrpläne, die es den Berufsschulen erlauben, berufliche Bildung "im Medium des Berufes" – anknüpfend an der einzelbetrieblichen Arbeitspraxis berufliche Erfahrung in systematisches berufliches Arbeitsprozesswissen zu transformieren und darüber hinaus schrittweise auch fachsystematisches Wissen aufzubauen. Dem didaktischen Prinzip der Exemplarität kommt bei der Identifizierung geeigneter betrieblicher Arbeitsaufgaben eine grundlegende Bedeutung zu. Hier bedarf es des verstärkten lokalen Berufsbildungsdialoges.

  3. Arbeitsprozessorientierung und Bildungsauftrag
  4. Der Bildungsauftrag der Berufsschule: Befähigung zur Mitgestaltung der Arbeitswelt in sozialer und ökologischer Verantwortung (KMK 1991), setzt voraus, Lernfelder und Rahmenlehrpläne arbeits- und gestaltungsorientiert zu entwickeln. Hier müssen die Handreichungen der KMK und der Länder konkretisiert werden. Dazu wurde vom Modellversuch "GAB" Geschäfts- und arbeitsprozessbezogene dual-kooperative Ausbildung in ausgewählten Industrieberufen mit optionaler Fachhochschulreife, ein entsprechendes Konzept entwickelt und vorgestellt.

  5. Integrierte Berufsbildungspläne
  6. Eine duale und kooperative Berufsbildung setzt integrierte Berufsbildungspläne voraus, in denen einerseits die gemeinsamen Ausbildungs- und Lehrinhalte im Sinne des gemeinsamen Arbeitswelt- und Berufsbezuges sowie andererseits die sich komplementär ergänzenden (Aus-) Bildungsziele enthalten sind (Prinzip der Komplementparität der Ziele). Integrierte Berufsbildungspläne werden als eine Basis für die "neue Dualität" angesehen.

  7. Berufswissenschaftliche Qualifikationsforschung

Die neue Qualität der lernfeldorientierten Ordnungsmittel erfordert berufswissenschaftliche Untersuchungen v. a. zu dem in der praktischen Berufsarbeit inkorporierten Arbeitsprozesswissen.

Workshop 2: Lernfelder und Schulorganisation

Das Lernfeldkonzept berührt unmittelbar und sehr weitreichend die bisherige Schul- und Unterrichtsorganisation, die mit der Fächerstruktur des Unterrichts eng verknüpft ist. Eine auch nur partielle Abkehr von diesem Organisationsprinzip verursacht erhebliche Kollisionen im Schulalltag, für deren produktive Überwindung eine fundierte Unterstützung und wissenschaftliche Begleitung unumgänglich ist.

In einer vielfältigen Innovationslandschaft lassen sich idealtypisch zwei entgegengesetzte Formen der Implementation des Lernfeldkonzepts unterscheiden: "Bottom-up"- versus "Top-down"-Strategien.

Ganz im Sinne der Erkenntnisse der Organisationsforschung zu "Lernenden Organisationen" versprechen diejenigen Implementationsstrategien den größten Erfolg, die bei der Organisationsentwicklung stets auf ein dynamisches Gleichgewicht zwischen "Bottom-up" und "Top-down" achten. Hinsichtlich der neuen Anforderungen ergeben sich folgende Kriterien für die Programmevaluation sowie Fortbildungsbedarfe:

Workshop 3: Lernfelder und Unterrichtsgestaltung

Bei der Umsetzung des Lernfeldkonzeptes in didaktisches Handeln von Lehrern befinden sich die Programmbeiträge in einem ausgeprägten und intensiven Such- und Experimentierprozess. Dieser vollzieht sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Projekt-/Programmzielen und den langjährig eingeübten Lehr- und Lernformen. Besonders prägend wirken sich dabei die Labor- und Fachraumkonzepte v. a. in den gewerblich- technischen Berufsschulen aus. Die BLK hat seit ihrem Bestehen ihren Schwerpunkt im Bereich der Beruflichen Bildung in der didaktisch-methodischen Gestaltung beruflicher Bildungsprozesse (unter Berücksichtigung des technologischen Wandels) gesehen, weniger dagegen in der Curriculumentwicklung. Die Ausgestaltung des Lernfeldkonzeptes wird daher im Programm "Neue Lernkonzepte ..." als ein überfälliger Schritt bewertet, der es ganz entscheidend erleichtert, neue handlungs- und gestaltungsorientierte Lernformen zu entwickeln und einzuführen. Die Entwicklung neuer Lernformen eilte der Entwicklung und Begründung neuer Lehrinhalte immer schon voraus. Das Lernfeldkonzept wurde hier insofern als eine Trendwende angesehen, als es dazu herausfordert, sich bei der Identifizierung von Arbeitsprozesswissen auf eine Analyse und Erkundung betrieblicher Arbeits- und Geschäftsprozesse einzulassen.

Auf der Suche nach der "neuen Unterrichtspraxis" werden im Programm erste Orientierungspunkte sichtbar.

  1. Betriebliche Handlungsfelder und Arbeitsaufgaben als Bezugspunkte für schulisches Lernen
  2. Berufsschullehrer und die Berufsbildungsforschung sind herausgefordert, betriebliche Handlungsfelder, Geschäftsprozesse, berufliche Arbeitsaufgaben und das darin inkorporierte Wissen zu identifizieren – als ein wesentlicher Bezugspunkt für die Gestaltung eines auf berufliche Handlungs- und Gestaltungskompetenz zielenden Unterrichts.

  3. Komplementarität der (Aus-) Bildungsziele
  4. Zugleich müssen die Bildungsziele dazu anleiten, die betriebliche Arbeitspraxis mit ihren je exemplarischen Lern-Potentialen zu verallgemeinern und zu transzendieren.

  5. Arbeitsbezogene Lehrinhalte
  6. Lernfelder müssen die Lehr-/Lerninhalte in einer arbeitsbezogenen Form aufführen, sonst lässt sich der Bezug zwischen "betrieblichen Handlungsfeldern" und Lernfeldern inhaltlich nur sehr schwer herstellen.

  7. Fachkompetenz der Lehrer

Das didaktische Handeln der Lehrer setzt für die Umsetzung des Lernfeldkonzeptes eine sehr hohe auf die beruflichen Arbeitsprozesse bezogene Fachkompetenz voraus. Darauf werden Berufsschullehrer (entgegen der entsprechenden Vereinbarungen der KMK) in ihrer Ausbildung zu wenig oder gar nicht vorbereitet.

Workshop 4: Neue Lernkonzepte und Lernortkooperation

Das Konzept der Lernfelder wird im Programm als ein wichtiger Schritt zur Einführung "integrierter Berufsbildungspläne" und damit für die Realisierung einer dual-kooperativen Berufsbildung angesehen. Lernfelder werden auf Lernortkooperation hin entwickelt. Von der Gemeinsamkeit der Ordnungsmittel geht ein hoher Aufforderungscharakter für die Lernortkooperation aus. Unterricht nach dem Lernfeldkonzept setzt daher einen intensiven lokalen bzw. regionalen Berufsbildungsdialog voraus.

Es ist zu beobachten, dass von den neu geordneten Berufen, in denen das Lernfeldkonzept bereits in den Ordnungsmitteln angelegt ist, neue Formen intensiverer Lernortkooperation ausgehen. Es bereitet dagegen größere Schwierigkeiten, die Lernortkooperation auf der Basis traditioneller Ordnungsmittel zu realisieren. Aber auch hier werden im Programm Innovationsstrategien entwickelt (dies gilt v.a. für den Modellversuch "GAB").

Neue Lernkonzepte in der Beruflichen Bildung , die das Konzept der Lernfelder einschließen, können ohne eine Lernortkooperation nur sehr eingeschränkt realisiert werden. Dies spricht für eine sehr enge inhaltliche und organisatorische Verzahnung der beiden BLK-Programme "Neue Lernkonzepte in der dualen Berufsausbildung" und "Kooperation der Lernorte in der beruflichen Bildung (LoKo)".