G. Ganz, U. Kleinknecht; Friedrich-Ebert-Schule - Wiesbaden

Die folgenden Ausführungen fassen den Diskussionsstand zum Unterricht in den IT-Berufen an der Friedrich-Ebert-Schule in Wiesbaden zusammen. Dabei wird besonders auf die methodischen Aspekte der Umsetzung des Rahmenlehrplans eingegangen:

  • Handlungsorientierter Unterricht als didaktisches Konzept

  • Schwerpunkte der Ausbildung

  • Orientierung am didaktisch gestalteten Geschäftsprozess

  • Didaktisch gestalteter Geschäftsprozess

  • Elemente des Projektunterrichts

  • Projektinitiative

  • Auseinandersetzung mit der Projektinitiative

  • Unterrichtsprojekte und Parallelen zu Industrieprojekten

  • Unterrichten im Team

  • Integration des geschäftsprozessorientierten Unterrichts in die Schulorganisation

  • Unterrichtsplanung

Handlungsorientierter Unterricht als didaktisches Konzept

Mit der Einführung der neuen Ausbildungsberufe der Informations- und Telekommunikationstechnik werden an die Berufsschule hohe Erwartungen herangetragen. Die Unternehmen gehen davon aus, dass die Erstausbildung in diesen Bereichen die zukünftigen Mitarbeiter in die Lage versetzt, mit dem ständige Wandel der Arbeitsorganisation und den eingesetzten Techniken umzugehen.

Diese Handlungskompetenz erreichen die Auszubildenden, wenn neben der Fachkompetenz auch die Human- und Sozialkompetenz zum Ziel der Berufsausbildung gehören. Auszubildende müssen Methoden- und Lernkompetenz erlangen, damit sie mit den schnellen Veränderung der Lebens- und Arbeitsbedingungen Schritt halten können. Zu den Aufgaben und Zielen der Berufsschule gehört auch, die Auszubildenden "zur Mitgestaltung der Arbeitswelt und Gesellschaft in sozialer und ökologischer Verantwortung" zu befähigen.

Dies bedeutet, dass im Rahmen des berufsbezogenen Unterrichts der Vermittlung von Human- und Sozialkompetenz der gleiche Platz eingeräumt wird wie der Entwicklung von Fachkompetenz. In den KMK-Rahmenplänen wird dem dadurch Rechnung getragen, dass die Lernzielbeschreibung auf Lernfelder bezogen ist , die zusammenhängende Themen und komplexe Unterrichtsgestaltung verlangen. Gleichzeitig lassen die offener formulierten exemplarischen Inhalte der Lernfelder den Schulen vor Ort mehr Möglichkeiten diese nach den regional gegebenen Bedingungen auszufüllen.

Das Prüfungswesen der Ausbildungsabschlussprüfung wird sich in Richtung von Ganzheitlichkeit der Aufgabenstellung hin entwickeln. Die Prüfung wird integrierte Fragestellungen enthalten und braucht die Unterstützung durch einen entsprechend strukturierten Berufsschulunterricht.

Schwerpunkte der Ausbildung

Die Rahmenpläne der neuen IT-Berufe sehen die Schwerpunkte der Ausbildung in den Bereichen Gerätetechnik, Informatik und Geschäftsprozesse. Diese Lernbereiche sollen integrativ gesehen werden und handlungsorientiert in System-, Funktions- und Wirkungszusammenhängen vermittelt werden.

Dies kann im Unterricht umgesetzt werden, wenn dort Lernerfahrungen ermöglicht werden, die sich am Projekt bzw. an Geschäftsprozessen orientieren. Hier werden die in Verbindung mit den Lernfeldern beschriebenen Inhalte exemplarisch in den Lernprozess eingebunden.

Orientierung am didaktisch gestalteten Geschäftsprozess

Projekte und geschäftsprozessorientierter Unterricht richten sich an den beruflichen Aufgaben der Auszubildenden aus. Didaktisch gestaltete Geschäftsprozesse sind eine möglichst vollständige Abbildung eines ausbildungsrelevanten Ausschnittes der Realität .

Bereits bei der Zielbeschreibung in den Lernfeldern werden Aufgabenstellungen aus der beruflichen Praxis skizziert.

Der Lernfortschritt im Unterrichtsprozess soll die Auszubildenden in die Lage versetzen, in den entsprechenden beruflichen Situationen verhaltenssicher vorgehen zu können.

Durch den Problemlöseprozess werden die lernfeldübergreifenden Zusammenhänge der Ausbildungsinhalte im zeitlich-logischen Ablauf erfahren. Betriebswirtschaftliche und arbeitsorganisatorische Zusammenhänge sowie Vertriebsaufgaben und Verkaufsstrategien können integrativ dargelegt werden.

Didaktisch gestalteter Geschäftsprozess

Je nach regionaler Struktur der Ausbildungsbetriebe können unterschiedliche Geschäftsprozesse im Unterricht behandelt werden. Für die Fachinformatiker/Schwerpunkt Anwendungsentwicklung bietet es sich an, in der Ausbildungszeit vier Kompetenzfelder zu berücksichtigen:

  1. IT-Systeme und Betriebssysteme
  2. Anwendungsentwicklung im Bereich Datenbanken
  3. Anwendungsentwicklung im Bereich Anwendungssysteme
  4. Vernetzte IT-Systeme und öffentliche Netze

Mögliche Titel für didaktisch reduzierte Geschäftsprozesse, die als Abbild der beruflichen Realität im Unterricht nachvollzogen werden können, sind:

  • "Einrichtung eines PC-Schulungsraums"

  • "EDV-Unterstützung der Materialverwaltung"

  • "Standardisierung eines Verwaltungsprozesses (z.B. Zeugniserstellung)"

  • "Entwicklung und Vermarktung eines Softwareproduktes"

  • "Internet-Café"

Elemente des Projektunterrichts

Der Wandel der Organisationsstrukturen in modernen Unternehmen von der funktional orientierten Verrichtung von Tätigkeiten in abgeschlossenen Organisationseinheiten hin zu geschäftsprozessorientierten Abläufen hat Auswirkungen auf die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten in diesen (berufsfeld-)übergreifenden Arbeitszusammenhängen.

Gleichzeitig wird von den heutigen und zukünftigen Mitarbeitern, speziell in der Informationstechnologie ein lebenslanges Lernen verlangt, da die fachlichen und technologischen Arbeitsinhalte einem rasanten Wandel unterliegen. Die in Schule und Ausbildung erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse reichen nicht mehr aus, um lebenslang für die Anforderungen der Gesellschaft und des Arbeitslebens qualifiziert zu sein. Für den Projektunterricht bedeutet dies, dass Schüler befähigt werden müssen, ihren lebenslangen Lernprozess selbständig zu organisieren und Methoden zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen, für sich und mit anderen lernen zu können.

Mit den Rahmenlehrplänen für die Berufsausbildung zum Fachinformatiker/ zur Fachinformatikerin aus dem Jahre 1997 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) dem strukturellen Wandel der Arbeitswelt Rechnung getragen. In den berufsbezogenen Vorbemerkungen wird gefordert : " Die Vermittlung der Qualifikations- und Bildungsziele soll an exemplarischen berufsorientierten Aufgabenstellungen lernfeldübergreifend, handlungs- und projektorientiert erfolgen." (RLP, 1997, KMK)

Bei der Planung von Lehr-Lern-Arrangements soll nicht von fachsystematischen Inhaltskatalogen ausgegangen werden, sondern von beruflichen Handlungsfeldern. "Handlungsfelder sind zusammengehörige Aufgabenkomplexe mit beruflichen sowie lebens- und gesellschaftsbedeutsamen Handlungssituationen, zu deren Bewältigung befähigt werden soll." (Bader, R.)

Die im Rahmenlehrplan ausgewiesenen "Lernfelder konkretisieren die zugrundeliegende Intention des Lernens an beruflichen Handlungen" (Bader, R., Schäfer B. 1998, S.229).

Eine wesentliche Bedeutung in der Betrachtung unseres Projektunterrichts kommt dem neuen Rollenverhalten von Schülern und Lehrern zu. Das neue Lehr- und Lern – Arrangement bewirkt, dass gewohnte Verhaltensmuster geändert werden. Die Rollen des allwissenden Dozenten und des rezipierenden Schülers müssen von allen Beteiligten überwunden werden. Das zum Teil vorhandene große Spezialistenwissen mancher Schüler in bestimmten Fachgebieten kann sinnvollerweise zum Rollentausch führen: Schüler lehrt, Lehrer lernt. Je nach Unterrichtsverlauf nehmen die beteiligten Lehrer unterschiedliche Rollen an:

  • Lehrer als Verantwortlicher für die Lernfelder und Inhalte
  • Lehrer als Organisator für das Lehr- und Lern – Arrangement
  • Lehrer als Moderator in Gesprächsphasen
  • Lehrer als Berater im Konfliktfall
  • Lehrer als Fachmann für inhaltlichen Input (Fachvorträge)
  • Lehrer als Lernender bei Fachvorträgen von Schülern

Ziele des Projektunterrichts

Ziel der Projektmethode ist:

  • Dem Einzelnen die Möglichkeit zu geben,
  • in der Gruppe,
  • in konkretem Handeln,
  • an einem Produkt oder an einer Dienstleistung,
  • in einem wirklichkeitsnahen Lernsystem,
  • selbstbestimmend und
  • in Interaktion mit anderen Gruppen

zu lernen

Projektinitiative

Die Projektinitiative ist die Anregung, ein Projekt durchzuführen. Diese Anregung kann zum Beispiel aus einer Idee oder einem Betätigungswunsch resultieren. Der Vorschlag richtet sich an die künftigen Projektteilnehmer. Erst in der Auseinandersetzung mit der Initiative entscheiden alle Teilnehmer, ob sie die Idee in Form eines Projektes bearbeiten wollen. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Ausgangssituation noch offen ist. (Frey, K.)

Die Absprachen im Lehrerteam bilden eine wichtige Voraussetzung für eine Projektinitiative. Bevor es zu einer Projektinitiative kommt, muss das Team der beteiligten Lehrer folgende Fragen klären:

  • Welche Lernfelder und Inhalte sind laut Rahmenlehrplan und Bildungskonferenz der Schule im folgenden Projekt ‚abzuarbeiten‘?
  • Welcher Lehrer übernimmt die Verantwortung für welche Lernfelder mit welchen Inhalten?
  • Welcher Lehrer übernimmt welches allgemeinbildendes Fach des Lehrplans?
  • Sind die Lernfelder mit den dazugehörenden Lerninhalten in einer ganzheitlichen, berufsbezogenen Aufgabe in einem Geschäftsprozess eingebettet?
  • Ist die Integration der Ausbildungsschwerpunkte, i.e. Geschäftsprozess, Gerätetechnik, Informatik gewährleistet?
  • Wird das Prinzip der Kundenorientierung durchgängig eingehalten?
  • Sind die Schüler in der Lage, die Projektinitiative im Sinne des "selbstorientierten Lernens" (D. Sembill) zu bearbeiten?

Erste Anregungen zu einer Projektaufgaben erwachsen aus den Ideen des Lehrerteams. Jeder beteiligte Lehrer achtet bei dieser Ideenfindung auf die Berücksichtigung der Lerninhalte, für die er Verantwortung übernommen hat.

Eine gleichberechtigte und partnerschaftliche Umgangsweise im Team ist hierbei unerlässlich. Traditionelle Lehrerkonflikte wie Hierarchiedenken, Kompetenzstreitigkeit und ‚Besserwisserei‘ müssen überwunden werden, statt dessen sollten Werte wie Toleranz, Akzeptanz, Gleichberechtigung und Ehrlichkeit im Umgang miteinander gelten. Nur ein kooperations- und kommunikationsfähiges Lehrerteam ist in der Lage, diese Bildungsziele glaubhaft von der Schülergruppe einzufordern und Unterricht gemäß solch einer Zielsetzung zu arrangieren. Bei der Zusammensetzung des Lehrerteams spielen die persönliche Fähigkeit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit eine wesentliche Rolle.

Fachinformatiker und Fachinformatikerinnen sind im Bereich der Dienstleistung tätig und haben stets mit Kundenaufträgen zu tun. Um ein berufsbezogenes Handlungsfeld für die Fachinformatiker und Fachinformatikerinnen darzustellen, ist es unabdingbar Projektaufgaben zu finden, die einen ganzheitlichen Kundenauftrag mit Geschäftsprozessorientierung abbilden. Damit wird dem Prinzip der Kundenorientierung Rechnung getragen.

Mit Hilfe dieses Ansatzes soll allen Beteiligten deutlich werden, dass die Informatik nur als Mittel zum Zweck eingesetzt wird und nicht als Selbstzweck ‚verherrlicht‘ wird. Technikgestaltung wird dadurch als Nutzen für den Menschen (hier: Kunde) verstanden.

Im Ausbildungsbetrieb werden die Fachinformatiker und Fachinformatikerinnen zunehmend in Kundenprojekten tätig sein. Um einen berufsrelevanten Bezug der Schulprojekte zu erzielen, ist es notwendig auf Grundlage der Projektmanagementmethode zu arbeiten (siehe Kapitel 6.2. Unterrichtsprojekte und Parallelen zu Industrieprojekten). Im Schulprojekt können die Beteiligten ihre Human- und Sozialkompetenz weiterentwickeln und ausbilden. Arbeitsweisen und Umgangsformen in der Teamarbeit werden hier zum Unterrichtsgegenstand. Dem Lehrer kommt in solchen Projektphasen eine große Bedeutung als Moderator und Berater zu. Er muss dafür Sorge tragen, dass Umgangsformen, Entscheidungsprozesse und die Arbeit im Team genügend reflektiert werden und von allen Beteiligten getragen werden.

Die technologischen Entwicklungen in der Fachinformatik verändern die Arbeitswelt stetig mit hohem Tempo. Die Fülle an Informationen erscheint angesichts der neuen Kommunikationstechniken grenzenlos. Jeder Tätigkeitseinsatz der Fachinformatiker und Fachinformatikerinnen ist verknüpft mit neuem technischen Detailwissen und dessen Umsetzung.

Das lebenslange Lernen muss selbstorganisiert durchgeführt werden. Es ist sinnvoll über Konzepte nachzudenken, die das selbstorganisierte Lernen einer Lerngruppe beschreiben. An dieser Stelle sei auf das Konzept von D. Sembill verwiesen.

Im Mittelpunkt selbstorganisierten Lernens steht das Lernen als geplantes Handeln (MB5), es umfasst folgende Arbeitsschritte:

  • Problemdefinition,
  • Handlungspläne erstellen,
  • Lösungsvorschläge einbringen,
  • Entscheidungen treffen,
  • Lösungsvorschläge realisieren und
  • Ergebnis- und Handlungskontrolle.

Unterricht versteht sich als komplexer Problemlösungsprozess, in dem Lernen als geplantes Handeln verstanden wird. Lernen besteht hier aus vier Dimensionen:

Lernen für sich (MB 2, MB 8) = Lernen zwischen den eigenen Zielen einer geplanten Handlung und der persönlichen Verantwortung gegenüber sich und anderen.

Lernen mit Risiko (MB 4, MB 6) = Lernen durch Sich-Einlassen und Beteiligt-Sein an einem ‚echten‘ komplexen Problem.

Lernen mit anderen (MB 1, MB 9) = Lernen zwischen eigener Relevanzeinschätzung des praxisnahen Problems und aktivem Relevanzaustausch mit den Beteiligten.

Lernen für andere (MB 3, MB 7) = Lernen zwischen subjektivem Interesse und der Veröffentlichung erworbener Kompetenzen andererseits.

Die Abbildung verdeutlicht das vierdimensionale Spannungsfeld. (Sembill & Wolf 1997)

Auseinandersetzung mit der Projektinitiative

Ist eine erste Projektinitiative im Lehrerteam entstanden, kann diese der Schülergruppe als Vorschlag unterbreitet werden. Der Vorschlag richtet sich an die künftigen Projektteilnehmer und provoziert eine Auseinandersetzung mit der Initiative.

Bei dieser Projektbesprechung sollte das gesamte Lehrerteam anwesend sein und alle Lernfelder, für die die einzelnen Lehrer Verantwortung übernommen haben, werden dargestellt. Den Teilnehmern muss deutlich gemacht werden, dass dieses Lehr- und Lern- Arrangement sich auf die oben benannten Prinzipien, wie relevante Lernfelder und Inhalte, ganzheitlicher berufsbezogener Geschäftsprozess, Ausbildungsschwerpunkte, Kundenorientierung und selbstorientiertes Lernen bezieht, und diese in dem anstehenden Projekt umgesetzt werden.

Das Gespräch sollte in einer vertrauensvollen und ehrlichen Atmosphäre stattfinden. Alle Beteiligten müssen sich der Bedeutung dieser Situation bzw. dieses Prozesses bewusst sein, denn hier werden die Weichen für den gesamten Projektverlauf gestellt.

Weiterhin ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Ausgangssituation noch offen ist. Das Lehrerteam darf ihre Initiative nicht als endgültig darstellen, sondern muss seine Positionen in einer intensiven Auseinandersetzung mit allen Beteiligten der Klasse erläutern.

Die gemeinsame Weiterentwicklung der Projektinitiative lässt erkennen, welche Fachkenntnisse in der Gruppe bereits existieren, und welche Bereiche von den Beteiligten übernommen und vertieft werden. So entwickeln sich bereits jetzt erste Verantwortlichkeiten für die verschiedenen Betätigungsfelder des Projektes.

Bereits im Vorgespräch wird deutlich, ob die Initiative Zustimmung findet oder nicht. Findet die Initiative keine Zustimmung, wird das Projekt vorzeitig beendet, und neue Initiativen werden diskutiert. Findet die Initiative Zustimmung werden die Wünsche, Ideen und Zielvorstellungen der Schüler gesammelt. Mit Hilfe geeigneter Moderationstechniken und Kreativitätstechniken (z.B. Metaplan, Brainwriting, 635-Methode, Clustern, Morphologischer Kasten, u.a.) werden die Diskussionsergebnisse dokumentiert und visualisiert. Dies stellt die Projektskizze dar. Eine Verfeinerung und Konkretisierung der Initiative und der Projektskizze führt schließlich zum Projektplan.

Unterrichtsprojekte und Parallelen zu Industrieprojekten

Die am Geschäftsprozess orientierten Unterrichtsmethoden weisen interessante Parallelen zu Industrieprojekten auf. In der Literatur wird der Begriff Projekt auf sehr unterschiedliche Weise definiert (siehe Litke, Hans-D., Projektmanagement, 3.Auflage, München 1995). Nach Litke können Projekte folgendermaßen charakterisiert werden (S 17):

  • Abgrenzbare Einzelvorhaben mit definiertem Anfang und Ende (Ziel)
  • Neuartig: Vorstoß an Grenzen des technologisch Machbaren
  • Risikoreich (technisch, wirtschaftlich, terminlich)
  • Komplex: Viele Beteiligte verschiedenster Disziplinen eventuell mehrere Organisationen
    Wechselbeziehungen nicht standardisierbar (keine vorgegebene Ablauforganisation)
  • Im Laufe der Abwicklung sich ändernde organisatorische Bedürfnisse
  • Große Bedeutung für Unternehmung bzw. Staat
  • Termindruck

Projekte unterscheiden sich von der täglichen Routinearbeit und müssen dementsprechend nach anderen Gesetzmäßigkeiten behandelt werden.

Erkundigt man sich nach Abschluss von Industrieprojekten nach dem Erfolg (Wirtschaftlichkeit, Zielerreichung) dann erhält man nicht immer eine eindeutige Antwort. Bei allen Projekten wird aber berichtet, dass die Teilnehmer viel gelernt haben. (vgl. Kellner, DV-Projekte)

In vielen Industriebetrieben ist die Mitarbeit in Projekten oder die Kompetenz Projekte zu leiten, ein ausschlaggebendes Kriterium, Führungsaufgaben übertragen zu bekommen. "Erfolgreiche Projektarbeit ist ein Qualifizierungsmerkmal für Personalentwicklung. Projektleiter wird nur, wer die fachliche Erfahrung hat und das Instrumentarium beherrscht." (vgl. SCHOTT, Fit für Projektmanagement, Schott Leitlinien für Projektarbeit, Juni 1993).

Lernfeldübergreifende Probleme in der Form von didaktisch reduzierten Geschäftsprozessen zum Unterrichtsgegenstand zu machen, bedeutet nicht eine "Verdopplung" der Lernorte. Die bisherige Trennung von Theorie und Praxis in der dualen Ausbildung lässt sich nicht länger durchhalten. Schon immer hat die Schule große Praxisanteile (Labors, Fachpraxis, Lernbüros) übernommen. Die Betriebe haben die praktische Arbeit in den Abteilungen oder in der Werkstatt mit Theorieanteilen im Werksunterricht oder in den Lehrwerkstätten erweitert.

In der Diskussion um die Weiterentwicklung des lernorttheoretischen Ansatzes (vgl. Münch, Joachim, Personalentwicklung als Mittel und Aufgabe moderner Unternehmenskultur, Bielefeld 1995), wird festgestellt, dass die Trennung von Arbeitsplatz und Lernplatz eher hinderlich für die Entwicklung des Unternehmens zur lernenden Organisation ist. Münch fordert deshalb eine Modifizierung des lernorttheoretischen Ansatzes und sieht 4 Komponenten bzw. Ausprägungen der "lernenden Unternehmung" (Münch,J.,S.50):

  • Zur unternehmenskulturellen Komponente: In einem lernenden Unternehmen ist Lernen ein zentraler Wert.
  • Zur personellen Komponente: Im lernenden Unternehmen ist jeder Betriebsangehöriger zugleich Lehrender und Lernender
  • Zur arbeitsorganisatorischen Komponente: Im lernenden Unternehmen ist die Arbeit ganzheitlich und damit so organisiert, dass sie zugleich Lernen herausfordert und fördert.
  • Zur lernorganisatorischen Komponente: Im lernenden Unternehmen ist Lernen weitgehend in den Prozess der Arbeit integriert, ohne dass damit gesonderte Lernorte völlig überflüssig werden.

Handlungskompetenz als Ziel des Unterrichts in der Berufsschule wird also erst dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn es gelingt, diese auch zukünftig an die sich verändernden Bedingungen in der Arbeitswelt anzupassen. Zur Aufgabe der Ausbildung gehört deshalb die Entwicklung von Lernkompetenz. Wenn zukünftig jeder Betriebsangehörige zugleich Lehrender und Lernender sein soll, ist es wichtig, dass bereits in der Erstausbildung entsprechende Erfahrungen gesammelt werden. In lernenden Organisationen sind Vorstände, Führungskräfte und Mitarbeiter gleichermaßen offen für permanente und synergetische Lernprozesse, welche nicht die Erreichung von "Lernzielen" verfolgen, sondern auf die Optimierung des Unternehmenserfolges ausgerichtet sind. Führungskräfte schaffen die klimatischen Voraussetzungen für Lernen im Prozess der Arbeit, sie ermuntern und regen an, sind Moderatoren, Berater und Tutoren, sie sind nicht Besserwisser, sondern Mitlernende. (Münch, S.44f)

Für den Unterricht hat dies zur Folge, dass Lehrer und Schüler den Lernprozess gemeinsam gestalten und damit Situationen geschaffen werden, die es (nicht nur dem Schüler) ermöglichen, unterschiedliche "Rollen" im prozessbegleitenden Lernen zu übernehmen und einzuüben.

Unterrichten im Team

Die komplexen Anforderungen der IT-Berufe lassen es nur in den seltensten Fällen zu, dass ein Kollege alle Inhalte abdecken kann. Die Zusammenarbeit im Team ist daher zwingend erforderlich. In dem Team sollten die fachlichen Kompetenzfelder zu den Bereichen Geschäftsprozesse, Hardware, Betriebssysteme, Netze sowie Softwareentwicklung und Softwareanpassung vertreten sein. Die Kollegen, die eines oder mehrere Kompetenzfelder vertreten, sorgen im Rahmen des geschäftsprozessorientierten Unterrichts dafür, dass die Inhalte der ihnen zuordenbaren Lernfelder angemessen berücksichtigt werden.

Zu den Aufgaben des Teams gehört es, zusammen mit den Schülern, didaktisch reduzierte Geschäftsprozesse zu beschreiben, die im Rahmen eines Unterrichtsprojekts bearbeitet werden können. Das Team steuert den Prozess und unterstützt die Schüler bei der Planung und Umsetzung der vereinbarten Ziele im Sinne der Elemente des Projektunterrichts. Dabei obliegt ihm die wichtige Aufgabe der Moderation der einzelnen Phasen, soweit dies nicht von den Schülern geleistet werden kann. Bei der Reflexion leistet es Hilfestellung und gibt Impulse durch geeignete Fragestellungen und methodische Hinweise.

Insgesamt trägt das Team dafür Verantwortung, dass Situationen am Lernort Schule geschaffen werden, die Lernen ermöglichen. Es integriert die Lerngruppe in das System des Schulbetriebs und schafft organisatorische und materielle Voraussetzungen zur Förderung des Lernprozesses.

Eine wichtige Aufgabe stellt die Rückmeldung über den Lernfortschritt der Schüler und die Leistungsbeurteilung dar. Es findet geeignete Kriterien den Leistungsstand und den Lernfortschritt zu messen. Nur in seltenen Fällen wird eine Klassenarbeit, Test oder Klausur ein geeignetes Mittel sein, die im Schülerteam erbrachten Leistungen zu beurteilen. Die erwarteten messbaren Leistungen der Schüler im handlungsorientierten Unterricht sollen den Schülern transparent sein und bilden die Grundlage für die Noten in den Jahres- und Abschlusszeugnissen.

Am Ende einer Projektphase können die Schüler einen Hinweis über ihren Leistungsstand erwarten und eine Beratung über ihren Beitrag zum Erreichen des Projektziels. In diesem Gespräch sollten die Stärken und Schwächen, die der Schüler an den Tag gelegt hat, zurückgemeldet werden und Empfehlungen gegeben werden, auf welche Weise z.B. Fachkompetenz, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit weiter entwickelt werden können.

Integration des geschäftsprozessorientierten Unterrichts in die Schulorganisation

Stundenplangestaltung

An die Unterrichtsorganisation stellt der am didaktisch reduzierten Geschäftsprozess orientierte Projektunterricht eine Reihe von Anforderungen. Die Auseinandersetzung der Schüler mit dem Projektauftrag verlangt ständig wandelnde Arbeitsformen, die mit den herkömmlichen starren Strukturen der Schulorganisation kollidieren. Der 45min-Rhythmus entspricht nicht den frei vereinbarten variablen Phasen der Projektarbeit.

Mit der Methode einher geht eine Öffnung der Klassengrenzen. Zum Unterrichtsraum wird die gesamte Schule, da sie durch die Wahl der Abläufe häufig zum Objekt des Lernens wird. Je nach Bedarf wird die Ausstattung (PC-Räume, Internet-Zugang u. dgl.) unterschiedlich in Anspruch genommen.

Lehrereinsatz

Die in den IT-Klassen eingesetzten Lehrerteams sollen so klein wie möglich sein, um Reibungsverluste durch Abstimmungsaufwand so gering wie möglich zu halten. In Teilzeitberufsschulklassen mit 10 bis 12 Wochenstunden Unterricht werden max. drei Kollegen einem Team angehören können, um den jeweiligen Stundenansatz nicht unter drei bis vier Stunden zu reduzieren. In geblockten Unterrichtsformen mit bis zu 30 Wochenstunden Unterricht stellt ein Team mit drei (max. vier) Kollegen die ideale Größe dar. Bei größeren Teams wird der Aufwand für gegenseitige Information und Absprachen so groß, dass die Kollegen nicht ohne fest installierte Konferenzzeiten auskommen können.

Der Einsatz der Lehrer muss in größeren zeitlichen Zusammenhängen eingeplant werden. Blöcke mit weniger als vier Unterrichtsstunden erscheinen wenig effektiv. Es sollte völlig darauf verzichtet werden, Fachlehrer mit nur einer Wochenstunde einzusetzen. Nur in Ausnahmefällen kann der vom Kernteam geplante Einsatz eines "Spezialisten" in geblockter Form über einen klar begrenzen Zeitraum und verbindlich vereinbarte Inhalte sinnvoll erscheinen.

Im Stundenplan ist darauf zu achten, dass für die Teams unkomplizierte Kommunikationszeiträume gefunden werden können. So sollten alle Kollegen eines Teams mindestens an einem Tag in der Woche gemeinsam an der Schule Unterrichtsverpflichtungen nachzukommen haben, um dann auch effektive Besprechungen vorsehen zu können.

Öffnung des Unterrichts

Ein weiteres wichtiges Element des geschäftsprozessorientierten Unterrichts ist die Öffnung des Lernraums "Klassenzimmer" zur Schulöffentlichkeit hin.

Viele der skizzierten Geschäftsprozesse finden in der Schulwirklichkeit tatsächlich statt. Die Geschäftsprozesse können als "Referenzmodelle" dienen oder einem "Prozess-Reengineering" unterzogen werden. Dem Anspruch der Kundenorientierung kann dann leichter nachgekommen werden, wenn tatsächlich ein "Abnehmer" des "Unterrichtsproduktes" vorhanden ist. Der Kunde kann die Schulleitung sein oder die Fachpraxislehrer oder das Sekretariat. Auch die Schüler als Nutzer des "Internet-Cafés" oder als Nutzer eines gestalteten PC-Fachraums kommen als "Kunden" in Frage.

So steht am Beginn eines jeden didaktisch reduzierten Geschäftsprozesses im Unterricht die Analyse der Kundenwünsche und Endet der Prozess mit der Übergabe an den Kunden und/oder die interessierte Schulöffentlichkeit. Diese Abschlusspräsentationen bilden eine gute Gelegenheit die Ausbilder oder Personalverantwortlichen der Betriebe in der Schule zu empfangen und über den Stand der Ausbildung zu informieren.

Unterrichtsplanung

Die Unterrichtsplanung im Rahmen didaktisch reduzierter Geschäftsprozesse hat die Funktion, geeignete Geschäftsprozesse zu identifizieren und zu beschreiben. Die während der Ausbildungszeit abgearbeiteten Prozesse müssen die im Rahmenplan aufgeführten Lernfelder und deren Inhalte abdecken. Die an der Friedrich-Ebert-Schule von den Kollegenteams skizzierten Geschäftsprozesse haben unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte:

  1. Einfache und vernetzte IT-Systeme
  2. Geschäftsprozessmodellierung und Datenbankprogrammierung
  3. Anwendungsentwicklung und Vermarktung
  4. Vernetzte IT-Systeme und öffentliche Netze

Zu den geschäftsprozessübergreifenden Themen gehören die Inhalte folgender Lernfelder:

  1. Der Betrieb und sein Umfeld
  2. Informationsquellen und Arbeitsmethoden
  3. Fachliches Englisch
  4. Markt- und Kundenorientierung
  5. Rechnungswesen und Controlling

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