Prüfungen

Die nachfolgende Stellungnahme der Zentralstelle für Prüfungsaufgaben der Industrie und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen (ZPA) zu den Kritiken zur Abschlussprüfung Sommer 2000 in den IT-Berufen stellt die diesbezüglichen Entscheidungen des Aufgabenerstellungsausschuss dar.
Anm. d. Verf.: Die Inhalte wurden unverändert aus der vertraulichen Vorlage übernommen, nur die Gegenüberstellung der Kritik zu den künftigen Verfahrensweisen wurden auf Grund der Lesbarkeit von mir vergenommen.

Stellungnahme

zu den Kritiken zur Abschlussprüfung Sommer 2000 in den IT-Berufen

Die am 9. Mai 2000 durchgeführte Abschlussprüfung des Termins Sommer 2000 in den IT-Berufen hat bundesweit eine Vielzahl mehrheitlich kritischer Reaktionen ausgelöst, die nicht nur im Internet und den Printmedien kommuniziert und kommentiert werden, sondern auch Gegenstand teils heftiger Diskussionen in den Prüfungsausschüssen der Industrie- und Handelskammern sind. Mit unserem Mail bzw. Fax vom 12. Mai 2000 haben wir versucht, den IHK’n kurzfristig Argumente für eine Versachlichung dieser Diskussionen an die Hand zu geben. Für die Vielzahl von Hinweisen, Schreiben, Faxen und Mails aus den IHK'n, mit deren Hilfe wir uns schnell einen Überblick verschaffen konnten, möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bedanken.

Wir haben uns gemeinsam mit dem Aufgabenerstellungsausschuss in einer Sitzung am 17. und 18. Mai 2000 neben der Aufgabenerstellung für den Prüfungstermin Winter 2000/2001 auch mit den Kritiken befasst. Zu den konkret einzelnen Aufgaben bzw. Teilaufgaben zuordenbaren, sachlich fundierten Kritiken hat der Aufgabenerstellungsausschuss im Rahmen der dafür vorgesehenen Verfahrensweise entschieden, welche Kritiken zu einer Änderung der Lösungshinweise/Musterlösungen und damit der Bewertungsgrundlage führen. Diese Entscheidungen geben wir Ihnen, weil davon konventionelle Prüfungsteile betroffen sind, vorab im Rahmen der folgenden Stellungnahme bekannt. Zum Termin der Bekanntgabe der Lösungsänderungen/ Freigabe der Ergebnisse lt. Zeitplan am 31. Mai 2000 werden wir den IHK'n eine kommentierte Übersicht zu den konkret angesprochenen Aufgaben bzw. Teilaufgaben übermitteln.

Zu den übrigen, fachlich fundierten aber doch pauschal gehaltenen Kritiken haben wir mit dem Aufgabenerstellungsausschuss diese Stellungnahme abgestimmt, in die auch die Ihnen bereits mitgeteilten Argumente Einfluss gefunden haben.

In der Gesamtschau der Kritiken lassen sich die folgenden 6 Schwerpunkte ausmachen:

1. Diskrepanz zwischen den Prüfungsinhalten und den Ausbildungsinhalten an den Lernorten Schule und Betrieb.
2. Unausgewogene Verteilung der Punktzahlen innerhalb der Ganzheitlichen Aufgaben nach unangemessener Bildung von Themenschwerpunkten
3. Zu komplexe Aufgabenstellungen und nicht ausreichend präzisierte Lösungshinweisen
4. Abfrage von Detailwissen, programmierte Aufgabenstellungen
5. Berufsübergreifende, einheitliche Prüfungsinhalte für alle 4 bzw. 5 IT-Berufe.
6. Forderung nach besserer Abstimmung zwischen Lehrenden und Prüfenden.
7. Unterschiedliche Prüfungsbedingungen durch nicht einheitliche Zulassung von Hilfsmitteln.

Über die Verfahrensweise mit den zu den Handlungsschritten 4 und 5 im Ausbildungsberuf lnformatikkaufmann/Informatikkauffrau vorgetragenen Kritiken haben wir Sie bereits mit Mail/Fax vom 5. Mai 2000 (über die IHK-GBA) und 12. Mai 2000 informiert.

 
1. Diskrepanz zwischen den Prüfungsinhalten und den Ausbildungsinhalten
an den Lernorten Schule und Betrieb.

Kritik

Künftige Verfahrensweise:

Die offenen Formulierungen bei der Beschreibung der Qualifikationen im Ausbildungsrahmenplan und der Lernfelder im Rahmenlehrplan ermöglichen eine flexible und differenzierte Ausbildung vor Ort. Deshalb werden von den Auszubildenden/Prüflingen in den IT-Berufen alte Unternehmensgrößen und -strukturen, ein nahezu vollständiger Branchen-Mix und die unterschiedlichsten Eingangsvoraussetzungen abgedeckt. Wenn diese offenen Formulierungen von allen Beteiligten - vom Ausbildungsbetrieb, von der Berufsschule, vom Auszubildenden/Prüfling und auch vom Aufgabenerstellungsausschuss - in guter Absicht mit Inhalten gefüllt werden, kann daraus doch noch eine durchaus problematische Situationen entstehen, wenn die "Schnittmenge" dieser Inhalte im Rahmen der Abschlussprüfung auf Grund der schier unbegrenzten Zahl der Varianzen gering ausfällt. Wirkungsvoll Abhilfe kann hier eigentlich nur durch eine verbesserte Abstimmung der Beteiligten und eine größere Transparenz der Prüfungen geschaffen werden. Als zweckmäßige Grundlage einer solchen Abstimmung können Prüfungskataloge erscheinen. Dies würde auch der vorgetragenen Kritik entsprechen, dass eine verlässliche Prüfungsvorbereitung in Ausbildung und Unterricht ohne diese Kataloge nicht möglich ist. Wir treiben daher die Erstellung der Prüfungskataloge für die Abschlussprüfung in den IT-Berufen mit den Mitgliedern des Aufgabenerstellungsausschusses und den von den IHK'n auf Landesebene benannten Sachverständigen weiter voran. Dabei ist anvisiertes Ziel eine Veröffentlichung noch in diesem Jahr.
 
2. Unausgewogene Verteilung der Punktzahlen innerhalb der Ganzheitlichen Aufgaben
nach unangemessener Bildung von Themenschwerpunkten
Kritik Künftige Verfahrensweise
Grundsätzlich ist gewährleistet, dass alle Inhalte der Abschlussprüfung von den Ordnungsmitteln Ausbildungsrahmenplan und Rahmenlehrplan abgedeckt sind. Umgekehrt kann aber die Abschlussprüfung im Teil B unter Berücksichtigung der vorgeschriebenen Prüfungszeit nicht alle Teile der Ordnungsmittel abdecken. Die Aussagefähigkeit der Abschlussprüfung kann nur in der Gesamtheit der Teile A und B beurteilt werden. Dies führt, zusammen mit dem in der Ausbildungsordnung vorgeschriebenen, ganzheitlichen Charakter der Aufgaben I und II, fast zwangsläufig zu komplexen Aufgabenstellungen, in denen wechselweise unterschiedliche, fachliche Schwerpunkte thematisiert werden. Die überwiegende Mehrheit der dazu vorgetragenen, fachlich begründeten Kritiken richtet sich gegen die Struktur der Ganzheitlichen Aufgabe II. Sie wird vom Aufgabenerstellungsausschuss auch insoweit nachvollzogen, als dort in den gemeinsamen Kernqualifikationen aller IT-Berufe die prüfungsrelevanten Qualifikationen in einer eher breiten als tiefen Thematisierung erwartet werden. Deshalb werden einzelne Handlungsschritte der Ganzheitlichen Aufgabe II in künftigen Abschlussprüfungen mit höchstens 20 Punkten bewertet und der Komplexitätsgrad entsprechend angepasst.

Verfahrenswels für die Abschlussprüfung Sommer 2000:

Der massive Kritikschwerpunkt dieser Prüfung ist der 6. Handlungsschritt der Ganzheitlichen Aufgabe II. Der Kritik wird insoweit entsprochen, als von den ursprünglich zur Bewertung dieses Handlungsschrittes vorgesehenen 30 Punkten nur max. 20 Punkte vergeben werden sollen. 10 Punkte sollen auf die Handlungsschritte 4 und 5 wie folgt verteilt werden:

HS 4 (Anschluss an SCSI‑Host‑Adapter): bisher 4 Punkte, jetzt 8 Punkte

HS 5 (Englisches USER'S MANUAL):            bisher 6 Punkte, jetzt 12 Punkte

 
3. Zu komplexe Aufgabenstellungen und nicht ausreichend präzisierte Lösungshinweisen

Kritik

Künftige Verfahrensweise

Die offenen Formulierungen der prüfungsrelevanten Ausbildungsinhalte/Qualifikationen in Ausbildungsrahmenplan und Rahmenlehrplan mit zum Teil ausschließlichem Bezug auf die spezifischen Ausbildungsinhalte des Ausbildungsbetriebes können grundsätzlich nur in offenen Aufgabenstellungen umgesetzt werden. Die Konzeptidee der Aufgabenstellung (Beschreibung eines Szenario und Verfolgung eines daran anknüpfenden Geschäftsprozesses mit berufstypischen Handlungen) versucht, diesem Gedanken der Prozessorientierung an beispielhaften Projekten gerecht zu werden. Die formale Untergliederung der Ganzheitlichen Aufgaben I und II in viele Teilaufgaben bzw. Teilschritte ist dabei im Hinblick auf die zu 1. und zu 2. bereits beschriebenen, heterogenen Ausbildungsstrukturen der IT-Branche und die sich daraus ergebenden ebenso heterogenen Lösungsstrukturen        nicht immer möglich und/oder im Sinne einer hinreichend differenzierten Leistungsbeurteilung sinnvoll. Darüber hinaus können die vom Aufgabenerstellungsausschuss entworfenen Lösungshinweise nur als Orientierungshilfen für die Korrektoren bei der Bewertung der individuellen Prüfungsleistungen verstanden werden. Über die genannten Lösungshinweise hinaus müssen in Anbetracht der beschriebenen,             strukturellen Vielfalt auch andere aufgabenbezogene, fachlich richtige Lösungen mit den vorgesehenen Punkten bewertet werden. Bei Angabe von Teilpunkten in den Lösungshinweisen sollen diese nach diesen Kriterien auch für richtige Teilleistungen entsprechend vergeben werden. Die IHK’n werden gebeten, Ihre Korrektoren im laufenden Prüfungsverfahren noch einmal mit Nachdruck darauf hinzuweisen! Auf die Lösungshinweise wird zur Verdeutlichung künftig folgender Vermerk aufgedruckt:

Die Lösungs- und Bewertungshinweise zu den einzelnen Aufgaben sind als Korrekturhilfen zu verstehen und erheben nicht in jedem Fall Anspruch auf Vollständigkeit. Der Bewertungsspielraum des Korrektors (z. B. hinsichtlich der Berücksichtigung regionaler, branchen- oder betriebsspezifischer Gegebenheiten) bleibt unberührt.

Zu beachten ist die unterschiedliche Dimension der Aufgabenstellung (nennen - erklären - beschreiben - erläutern usw.)

Wird eine bestimmte Anzahl verlangt (z. B. „Nennen Sie fünf Merkmale ...“), so ist bei Aufzählung von fünf richtigen Merkmalen die volle vorgesehene Punktzahl zu geben, auch wenn im Lösungshinweis mehr als fünf Merkmale genannt sind. Bei Angabe von Teilpunkten in den Lösungshinweisen sind diese auch für richtig erbrachte Teilleistungen zu geben.

 

 
4. Abfrage von Detailwissen, programmierte Aufgabenstellungen

Kritik

Künftige Verfahrensweise

Detaillierte Fragen mit konkreten Musterlösungen (Zugriffszeiten, Transferraten) werden dagegen als "zu spezielles Fach- und Faktenwissen" kritisiert und die Erwartungshaltung nach komplexeren Aufgabenstellungen mit offeneren und damit flexibleren Antwortmöglichkeiten zum Ausdruck gebracht. Die gemischt programmiert/konventionellen Aufgabenstellungen hätten sich wegen des unverhältnismäßig hohen Regieaufwands während der Prüfung, Verunsicherungen seitens der Prüflinge und der für den Korrektor nicht durchgängigen Korrekturmöglichkeit nicht bewährt. Der Aufgabenerstellungsausschuss bittet die ZPA, in den zuständigen Gremien gemeinsam mit den IHK'n die unbedingte Notwendigkeit programmierter Aufgabenteile in den Ganzheitlichen Aufgaben I und II zu prüfen. 

Verfahrensweise für die Abschlussprüfung Sommer 2000:

In der Ganzheitliche Aufgabe I der Fachinformatiker beider Fachrichtungen wird im 4. Handlungsschritt auch die Ziffer 1 (=Spalte A) als richtige Lösung mit den dafür vorgesehenen 2 Punkten bewertet. Diese Änderung wird im Rahmen der maschinellen Auswertung automatisch berücksichtigt.

 
5. Berufsübergreifende, einheitliche Prüfungsinhalte für alle 4 bzw. 5 IT-Berufe.

Kritik

Künftige Verfahrensweise:

Die gemeinsamen Kernqualifikationen sind ein von den Sozialpartnern im Ordnungsverfahren bewusst festgeschriebener Wesenszug der IT-Berufe. Deshalb sind zwei von drei Prüfungsgebieten des Prüfungsteils B, die Ganzheitliche Aufgabe II und die Wirtschafts- und Sozialkunde, in der Ausbildungsordnung berufsübergreifend einheitlich formuliert. Die Kritik, die Prüfung der Informatik- und IT-System-Kaufleute sei zu technisch bzw. die Prüfung der IT-System-Elektroniker und Fachinformatiker sei zu kaufmännisch, lässt die im Ordnungsverfahren bewusst unterlassene Berufsfeldzuordnung und Definition der IT-Berufe als "Hybridberufe" unberücksichtigt. In den Ganzheitlichen Aufgaben I wird bereits berufsweise differenziert. Auch unter dem Aspekt der Differenzierung muss die Abschlussprüfung in der Gesamtheit der Teile A und B betrachtet werden. Der Aufgabenerstellungsausschuss wird im Rahmen der Erstellung künftig die SpieIräume für weitere Differenzierungen, vor allem zwischen den beiden Fachrichtungen der Fachinformatiker, prüfen.
 
6. Forderung nach besserer Abstimmung zwischen Lehrenden und Prüfenden.

Kritik

Künftige Verfahrensweise:

Dieser Forderung wurde durch die drittelparitätische Besetzung des Aufgabenerstellungsausschusses nach den Maßgaben des BBiG bereits in vollem Umfang nachgekommen. Betriebspraktiker aus mittelständischen und Großbetrieben als Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und die Vertreter der Lehrer an Berufsbildenden Schulen stellen im Rahmen der Aufgabenerstellung einen Bezug zur Ausbildungspraxis her. Die Schwerpunkte der bisherigen Prüfungen wurden einvernehmlich gebildet; dabei war selbstverständlich eine Verzerrung der Berufswirklichkeit und des Qualifikationsniveaus nicht beabsichtigt. Vor dem Hintergrund der Besetzung des Ausschusses mit 15 ordentlichen Mitgliedern, d. h. jeweils nur einem Vertreter aus jedem Bundesland, wurde der Auswahl der benannten Damen und Herren in den Länderarbeitsgemeinschaften der IHK'n besonderes Augenmerk geschenkt. Insoweit sollte die Kompetenz des Ausschusses unstreitig sein. Der Aufgabenerstellungsausschuss selbst steht einer Erweiterung des Ausschusses um weitere, ggf. stellvertretende Mitglieder, aufgeschlossen gegenüber, wenn dadurch die Aufgabenerstellung auf eine noch breitere fachliche Basis gegründet werden soll.
 
7. Unterschiedliche Prüfungsbedingungen durch nicht einheitliche Zulassung von Hilfsmitteln.

Kritik

Künftige Verfahrensweise:

Bei der Verwendung zugelassener Hilfsmittel in den Prüfungen ist eine einheitliche Verfahrensweise in allen Kammerbezirken auf Bundesebene unabdingbar. Bei aller u. U. gegebener Diskussionswürdigkeit der Prüfungsinhalte machen einheitliche Prüfungsbedingungen eine objektive Bewertung der Prüfungsleistungen erst möglich und die Durchführung justiziabel. Tabellenbücher können auch in Zukunft nicht als Hilfsmittel zugelassen werden. Vor dem Hintergrund einer inhaltlich sehr unterschiedlichen Vielfalt solcher Bücher - von der reinen Formelsammlung bis zum kommentierten Nachschlagewerk - aus relativ vielen Verlagshäusern erscheint es kammerseits nicht realisierbar, eine oder einige wenige unkommentierte Fassungen in den Rang einer "prüfungszugelassenen Standardversion" zu erheben, und damit faktisch die Werke anderer Verlagshäuser vom Markt zu verdrängen. Kommentierte Ausgaben, die sich dem Inhalt nach nicht mehr von Fachbüchern unterscheiden, können aber nicht zugelassen werden, weil im Rahmen der Ganzheitlichen Aufgaben I und II nicht nur ausschließlich gerechnet wird, wie z. B. im Prüfungsfach "Technische Mathematik" der Kommunikationselektroniker, und den Büchern deshalb zusätzlich prüfungsrelevante Informationen entnommen werden könnten, die als eigene Prüfungsleistung zu erbringen sind. Als u. E. durchaus tragfähiger Kompromiss werden alle zur Bearbeitung der Prüfung relevanten Daten, die üblicherweise einem Tabellenbuch entnommen werden könnten, künftig Bestandteil des Aufgabensatzes sein und z. B. in einem Belegsatz den Prüfungsunterlagen jeweils beigefügt.

Auf dem Aufgabensatz selbst wird der Vermerk aufgedruckt, dass außer dem netzunabhängigen Taschenrechner keine weiteren Hilfsmittel zur Bearbeitung zugelassen sind. Die IHK'n werden aufgefordert, diese Verfahrensweise unbedingt einzuhalten.