Unterlagen - Erfurt

Reflexion und Bewertung der durchgeführten Unterrichtseinheit "Arztpraxis" (von Unterrichtsergebnissen - abgeleitete Konsequenzen zur Veränderung der zukünftigen schulischen Ausbildung)

In regelmäßigen Abständen wurden die Schüler gebeten, die IT-Ausbildung konstruktiv zu kritisieren. Mit den Betrieben wurden immer wieder Gespräche zu Ausbildungsinhalten und -formen geführt. Darüber hinaus wurden vielfältige Verständigungen mit anderen Schulen, Lehrern, Verlagsrepräsentanten, Buchautoren, Lektoren etc. gesucht.

Kritik und Anregungen von Seiten der Schüler

Kritik und Anregungen von Seiten der Betriebe

Generell können zwei Positionen gegenüber der IT-Ausbildung festgestellt werden.

Kommunikation

"Nicht mehr Erkenntnis und Verfügbarmachung einer objektiven Natur sind (...) das explikationsbedürftige Phänomen, sondern die Intersubjektivität möglicher Verständigungen - sowohl auf interpersonaler wie auf intrapsychischer Ebene. Der Fokus (...) verschiebt sich damit von der kognitiv-instrumentellen zur kommunikativen Rationalität" (Habermas 1987, S. 524f.).

Zentraler Aspekt bei der Gestaltung von Projekt- und Teamarbeiten ist die Kommunikation. Dieser Grundaspekt wurde bereits in den 70er Jahren durch die Kommunikativ-kritische Didaktik verarbeitet.

Neuere Studien zur Teamarbeit in der Industrie und Wirtschaft unterstützen diese Einschätzung. Teamarbeit und die Gestaltung von innovativen Projekten hängen eng zusammen. Empirische Untersuchungen bezüglich der Teamarbeit zeigen, dass die Größen:

von zentraler Bedeutung für die Arbeitsqualität und auch -zufriedenheit sind (Högl 1999, S.52).

Im klassischen Bildungsverständnis geht es im Trivium "um Kommunikation, im Quadrivium (...) um die Welt." (Luhmann 1998, S. 951.) Zur Konsequenz hatte dies, dass das Erzieherische aus dem Unterricht verbannt wurde. "Nur der Unterricht findet in den Schulen statt, die Erziehung ist Aufgabe der Familienhaushalte." (ebd.) Dieses Selbstverständnis von Schule, Pädagogik und Erziehung prägt bis in unsere Tage gerade im Bereich der berufsbildenden Schulen das Verständnis der Lehrerausbildung und im besonderen das Verständnis des einzelnen Lehrers: er ist Fachmann und nicht Pädagoge. Die Auswirkung bis in die Festlegung von Unterrichtsmethoden ist erheblich: "Schon die Fächer selbst dekomponieren Kommunikation und Welt in getrennt lehrbare, dann aber interdependente Sachverhalte." (ebd.) Dieses Selbstverständnis wird mit der modernen Informationstechnik auf der Sachebene selbst aufgebrochen. Die Kommunikation wird im Rahmen der Virtualisierung der Realität zu einem zentralen Bestandteil des fachlichen Selbstverständnisses. Bei der Festelegung von Unterrichtsthemen wie 'Kommunikationsmodelle', 'Software Engineering', 'Projektarbeit', Gestaltung von Web-Seiten wird dies direkt sichtbar. Das Lernfeld 3 ("Arbeitsmethoden und Informationsquellen") ist eine direkte Folge dieses veränderten Realitätsverständnisses. Die Gespräche mit den Betrieben haben dies auch einhellig bestätigt:

Mit der IT-Welt wird die Problematik des Sinns unterrichtlicher Vermittlungen auf breiter Front sichtbar. Es geht bei der Weitergabe des Wissens nicht mehr nur um reine (klassische) 'Sachinhalte'. Anders formuliert: Die Kommunikationsprozesse werden selbst Teil der sachlichen Verständigungen.

Im ersten Ausbildungsjahr erhalten die IT-Schüler eine elementare Einführung in moderne Kommunikationsmodelle. Ausgehend vom Modell der vier Seiten einer Nachricht von Schulz von Thun wird mit den Schülern auch ein erstes Kommunikationstraining durchgeführt.

Kommunikation 'Lehrer-Schüler'

Den Schülern wurden in der Projektarbeitszeit am Donnerstag vielfältige Möglichkeiten zur Verständigung gegeben. Jede Klasse wählte einen 'Projekt-Geschäftsführer', der die Interessen der Klasse gegenüber der Projektleitung zu vertreten hatte. Die einzelnen Teilgruppen in den Klassen mussten Gruppensprecher bestimmen, die sich regelmäßig mit den Geschäftsführern verständigen müssen.

Die Geschäftsführer wurden zusätzlich in die Planungsgespräche der 'Schulspinne' eingebunden: jeweils am Montag trafen sich die 'Geschäftsführer' mit dem Koordinator 'Schulspinne'. Mit den Klassen wurden zum Wochenabschluss am Freitag nach Bedarf die Arbeits- und Gruppenprozesse besprochen.

Kommunikation 'Lehrer-Lehrer'

Bereits frühzeitig wurde von uns diskutiert, wie die Kommunikation zwischen den Lehrkräften verbessert werden kann. Gerade die umfassende Projektarbeitsstruktur erfordert vielfältige Abstimmungen.

Folgende 'Kommunikationsinstrumente' wurden eingeführt:

  1. In den einzelnen Klassenbüchern wurden - fast im Sinne eines Tagebuchs - Projektinformationsseiten festgelegt. Die einzelnen Lehrkräfte tragen hier ihre Projektüberlegungen ein.
  2. Im IT-Vorbereitungsraum 27 II wurde eine PIN-Wand in der Größe 5 m x 2 m eingerichtet. Hier werden Informationen zu SEDIKO, zur Projektgesamtorganisation, zu einzelnen Projekten und zu der von uns gegründeten 'Übungsfirma' 'Schulspinne' ausgehängt. Außerdem werden hier aktuelle Informationen zur pädagogischen Diskussion ausgehängt.
  3. Die SEDIKO-Arbeitsgruppe führte alle vierzehn Tage eine kurze Besprechung zur Entwicklung der IT-Ausbildung durch.
  4. Wesentliche Arbeitsergebnisse, Entscheidungen etc. wurden allen in der IT-Ausbildung beteiligten Lehrkräften schriftlich mitgeteilt.
  5. Seit Mai 1999 werden wesentliche Informationen auf den Rückseiten der Stundenpläne, die jeder Lehrer jede Woche erhält, abgedruckt. (Dies ist auch Teil der Versuche, eine insgesamt lernende Schule zu gestalten.)

Kommunikation 'Schule-Betriebe-IHK'

Der Kontakt mit den Betrieben konnte so gestaltet werden, dass in regelmäßigen Abständen Verständigungen zwischen den Firmen und der Schule erfolgten. Fragen zur Entwicklung einzelner Schüler wurden hierbei ebenso behandelt, wie grundsätzliche Aspekte zu den IT-Prozessen in den Firmen. Der Kontakt wurde dabei von beiden Seiten gesucht. Die Firmen teilten ihre Wünsche und Probleme mit.

Ergänzt wurde dies durch eine umfassende Umfrage unter den IT-Schülern zu den konkreten IT-Geschäftsprozessen in den Betrieben. Die Schüler wurden gebeten, ausgehend von ihren konkreten Ausbildungserfahrungen für eine fiktive IHK-Diskussion ihre Überlegungen 'verallgemeinert' vorzutragen. Die Schülern äußerten sich dabei anhand eines vorgegebenen Stichwortkatalogs zu 20 IT-Aspekten, wie z. B.:

Kommunikation 'Schule-Hochschule'

Dieser Kommunikationspfad wurde bisher nur ansatzweise genutzt.

Lehrerpersönlichkeit

"Ein Lehrer sollte nur soviel Stunden zu geben haben, wie es mit wirklicher Freude an der Arbeit geschehen kann, und mit Aufmerksamkeit auf die geistigen Bedürfnisse des Schülers" (Russel 1979, S. 24.).

Innerhalb des offenen Unterrichts und des projektorientierten Lernens arbeitet der Lehrer sehr stark als Moderator. Er initiiert, organisiert und begleitet Lernprozesse. Die Detailorganisation und -steuerung wird von den Schülern selbst übernommen. Bei allen organisatorischen und kommunikativen Arbeitsaspekten bleibt der Lehrer der direkte Ansprechpartner für die Schüler. Mit seinem Verhalten lebt er die Grundprinzipien der Ausbildung exemplarisch vor. Ein Lehrer, der z. B. das Klassenbuch gut führt, lebt damit vor, wie eine gute Dokumentationsführung sein kann. Dies gilt natürlich für alle service- und dienstleistungsorientierten Aspekte. Ein Lehrer, der z. B. regelmäßig zu spät zum Unterricht erscheint, wird seinen Schülern kaum eine überzeugende Kundenorientierung vorleben können.

Folgende Anforderungen an die Lehrkraft treten nach unseren bisherigen Erfahrungen auf:

Zukünftige Projektaktivitäten

Bereits frühzeitig wurde eine bessere Koordination der Projektarbeit an der Schule angedacht. Es ist geplant, eine verbindliche Abfolge in der Projektentwicklung festzulegen. (Die genaue Themenbestimmung und Zeitfestlegung wird erst im September 1999 vorgenommen.)

Durch diese Staffelung soll folgendes erreicht werden.

  1. Die Schüler sollen gleichmäßig mit Aufgabenstellungen beauftragt werden.
  2. Der Auswertung der Projektprozesse soll so genügend Raum gegeben werden.
  3. Eine übersichtliche Anforderungsstruktur soll so den Schülern und den Lehrern dargeboten werden, um auch so die Arbeitsbelastung in Grenzen zu halten.

Geplant ist, dass sich alle Unterrichtsfelder an der Projektgestaltung beteiligen sollen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass gerade die klassisch ausgebildeten technischen Fachlehrer eine große Zurückhaltung bei der Initiierung und Gestaltung von (offenen) Projektaufgaben besitzen. (Die bisherigen Projektgestaltungen wurden im wesentlichen nur von vier Kollegen vorgenommen.) Die Hoffnung besteht, dass durch das Staffelungsprinzip sich tatsächlich mehr Kollegen an der Projektarbeit beteiligen werden.

Weitere Entwicklungsschritte - Zwischenresümee

Diese Darstellung soll nur knapp die weiteren Schritte in der Entwicklung der Berufsausbildung an der SBBS 4 skizzieren und ein erstes Zwischenresümee geben.

Entwicklungsperspektiven

Zwischenresümee

Es ist gelungen, eine Ausbildungsstruktur aufzubauen, die in Übereinstimmung mit den Aus-bildungs- und Prüfungsanforderungen organisiert und gestaltet ist und (!) von den Auszubildenden prinzipiell positiv aufgenommen wird. Die ersten Arbeitsergebnisse sind positiv einzuschätzen.