Abschätzung zur Realisierung der Ziele und der voraussichtlichen Verwertbarkeit der Ergebnisse des Modellversuchs SEDIKO für die Bildungsplanung

Die Arbeiten und Ergebnisse in der Abschätzung zur Realisierung der Ziele des Modellversuchs haben ihre Grundlage in den Zielsetzungen selbst gegenüber den Bewertungen der Ent-wicklungs- und Erprobungsergebnisse. Im Modellversuch ist dazu die Ausgangslage nicht unbedeutend, die zu den umfassenden Modellversuchszielen und -aufgaben geführt haben.

Dies waren zum einen die Einführung der neuen Berufe im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnik (IT) in 1997, die sich in ihrer Berufsstruktur (wohl erstmals) an einem Marktmodell orientiert haben und in denen im Feld der dualen Berufe in größerem Umfang technische, informationstechnische und wirtschaftliche Kompetenzen verknüpft wurden. Die alten stark an den nach Wirtschaft und Technik getrennten Berufsfeldern ausgerichteten Berufe, wie der Datenverarbeitungskaufmann oder der Beruf Kommunikationselektroniker/-in, waren der Hintergrund und der Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung dieser neuen Berufe. Im Verfahren der Neuordnung mussten sich nicht nur die Vertreter der verschiedenen nach Wirtschaft und Technik getrennten Gruppen der Tarifparteien und der bislang ebenso getrennten Arbeitsgruppen im BiBB regelrecht "zusammenraufen", sondern auch die Gruppen der für die Entwicklung der schulischen Rahmenlehrpläne zuständigen Arbeitsgruppen der Länder. Im Zentrum der IT-Berufe standen jetzt umfassende Produkt-, Service- und Dienstleistungskompetenzen, die von der qualifizierten Kundenberatung, der Angebotserstellung und dem Verkauf über die Systeminstallation, die kundenspezifische Hard- und Softwareentwicklung und -anpassung, die Einführung, Betreuung und Wartung der IT-Systeme bis hin zur Schulung der Anwender reichen. Zum anderen und im Zusammenhang dieser Entwicklung kam hinzu, dass sich durch die neue Marktmodell- und Dienstleistungsorientierung der Berufe ebenso die Ausbildungs- und Lernkonzepte z.B. weg von der "nur" Technikorientierung im Sinne der Arbeits- und Geschäftsprozessorientierung verändern mussten. Diese Veränderung fiel und passte zusammen mit der von der KMK 1996 erstmals herausgegebenen neuen Handreichung für die Entwicklung der Rahmenlehrpläne, mit der das neue Lernfeldkonzept als curriculare Entwicklungsgrundlage begründet wurde.

Mit dem Modellversuch "Lernfeld- und Lernraumgestaltung zur Förderung der Service- und Dienstleistungskompetenz in den neuen IT - Berufen (SEDIKO) wurden letztlich genau diese Veränderungen als neue Herausforderungen der Berufsschule aufgenommen und in den Mittelpunkt der Ziele und Aufgaben des Modellversuchs gestellt. Berücksichtigung dabei fand ebenso die sich erst im Verlauf des Modellversuchs wirklich klärende Situation, dass sich sowohl die Berufsschulen mit wirtschaftlicher und gewerblich-technischer Ausrichtung wie auch die Berufsschullehrer und Berufsschullehrerinnen mit ihren entsprechenden Kompetenzen darauf verständigen mussten, wer welche IT-Berufe übernimmt und welche IT-Klassen gebildet werden und wer in diesen Klassen welche Lehr- und Kompetenzbereiche abdecken kann. Insofern war die Entscheidung, den Modellversuch unter Beteiligung verschiedener Länder im Rahmen eines Verbundprojektes durchzuführen auch im nachhinein eine richtige und wichtige, da erst so die Vielfalt der Ziele und Aufgaben des Modellversuchs bearbeitet werden konnte.

Ohne hier diese Vielfalt der Ziele und Aufgaben mit den gesamten Entwicklungen und Ergebnissen des Modellversuchs im einzelnen gegenüberzustellen, kann in der Abschätzung von einem insgesamt hohen Grad der Realisierung der Ziele gesprochen werden. Dies belegen eindrucksvoll die Berichte der einzelnen Modellversuchsschulen der Länder wie die stark zusammengefassten Ergebnisse zu den Entwicklungs- und Arbeitsschwerpunkten und den gemeinsamen Empfehlungen des Modellversuchs. Selbstkritisch ist dabei aber durchaus einzugestehen, dass einige der Ziele und Aufgaben sicher noch der weiteren Bearbeitung und Entwicklung bedürfen und derzeit noch zu keiner "endgültigen" Lösung geführt haben. Dies ist dem Umstand und der nicht unwichtigen Erkenntnis geschuldet, dass es sich wegen der umfassenden Innovationen vielfach bei den Entwicklungen um längerfristige Prozesse handelt. Dies betrifft die Schul- und Organisationsentwicklung, die bei den Veränderungen im IT-Bereich und den neuen Rahmenlehrplänen eine besondere Bedeutung im Modellversuch hatten und weiterhin haben werden, wie ebenso die Entwicklung der neuen Lern- und Lernraumkonzepte, die u.a. mit den Entwicklungen der Unterrichtsorganisation und im Modellversuch insbesondere auch mit der Team- und Kompetenzentwicklung der Berufsschullehrer und Berufsschullehrerinnen im Zusammenhang standen. Die Realisierung der Ziele und erreichten Ergebnisse, ob zur Lernfeldumsetzung oder Lernraumgestaltung oder den Differenzierungsmaßnahmen und Prüfungsverfahren, sind von daher zunächst immer nur tentativ und stellen Momentaufnahmen der Lösungen dar.

Die Umsetzung der Ergebnisse und zukünftige Weiterentwicklung ist und war aber abhängig von den Erprobungen und Evaluationen. Auch zu diesen bleibt selbstkritisch festzuhalten, dass sie überwiegend als Selbstevaluation durchgeführt wurden und es im Rahmen der formativ angelegten Evaluationen im Modellversuch nicht immer gelungen ist, die umgesetzten Konzepte und Entwicklungen umfassend und z.B. im Vergleich abschließend zu bewerten. Dabei ist klar, dass sich Berufsbildungs- und Lernprozesse nicht einfach wie naturwissenschaftliche Experimente bewerten lassen und insbesondere z.B. die Evaluation zum Vermittlungsprozess beruflicher Service- und Dienstleistungskompetenz erst einer inhaltlichen Klärung und neuen Ausschärfung des Evaluationsinstrumentariums bedurfte.

Beispielsweise zu den Ergebnissen der Lernfeldumsetzung und Lernfeldintegration, die im Modellversuch auf der Konzeptentwicklung zweier Modelle basierten, kann so anhand der Erprobungen an den verschiedenen Modellversuchsschulen nicht hinreichend und abschließend bewertet werden, welches der beiden neuen Konzeptmodelle nun "besser und effektiver" für die Vermittlung der gemeinsam angestrebten Service- und Dienstleistungskompetenz im Sinne einer umfassenden beruflichen Handlungskompetenz geeignet ist. Nicht nur dass dazu die Stichprobe zu gering war, um bezogen auf einen der neuen IT-Berufe und die beiden Konzeptmodelle eine vergleichende Evaluation vorzunehmen, sondern vor allem wegen der, bei einem naturwissenschaftlichen Experiment durchaus gegebenen, an den Modellversuchsschulen nicht vorhandenen vergleichbaren Rahmenbedingungen im Hinblick auf die Schüler, Lehrer, Lernraumgestaltungen usw.

Desgleichen gilt wiederum für die unterschiedlichen Konzepte und Umsetzungen zur Lernraumgestaltung an den Modellversuchsschulen, wo ebenso nicht hinreichend und abschließend bewertet werden kann, ob nun z.B. die Lernräume in Bremen, Schleswig-Holstein oder Thüringen die Vermittlungsprozesse zur beruflichen Handlungskompetenz mehr und besser unterstützen und fördern. Zur Theorie und Praxis der Evaluation ist zudem generell und über den Modellversuch SEDIKO hinaus an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass neben den bei Modellversuchen verbreiteten formativen Evaluationsansätzen zukünftig nach Modellversuchsabschluss verstärkt Nacherhebungen durchgeführt werden sollten. Das heißt, im Sinne einer summativen Evaluation sollen die schulischen Vermittlungsprozesse zur beruflichen Handlungskompetenz im nachhinein aus der Sicht der Erfahrungen der Schüler zum Bewertungsgegenstand werden. Denn erst eine solche Bewertung kann wirklich Aufschluss darüber geben, welchen Beitrag das eine oder andere Konzept zu der beruflichen Handlungskompetenz geleistet hat, die der ehemalige Auszubildende nun für die Berufspraxis braucht.

Wenngleich die angesprochene und teilweise unvermeidbare Evaluationsproblematik nicht zu unterschätzen ist und es z.B. wünschenswert wäre, nach etwa gut einem Jahr die am Modellversuch beteiligten Auszubildenden aufgrund ihrer Berufserfahrung nach der Ausbildungsqualität zu befragen, hat dennoch die formative Einschätzung der in den Entwicklungsprozessen momentan erreichten Ergebnisse ihren Wert. So ist schlicht naheliegend und plausibel, dass gegenüber dem bisher eher fachsystematischen und lehrgangsorientierten Unterricht mit den neuen Lernkonzepten nun die betrieblichen Service- und Dienstleistungsprozessen mehr die Unterrichtsgestaltung bestimmen und damit besser als vorher den ganzheitlichen Kompetenzanforderungen im IT-Bereich entsprochen wird. Auch die neue Berücksichtigung der breiten und technisch-wirtschaftlichen Unterrichtsinhalte auf der Basis der Lernfelder der neuen Rahmenpläne hat un-mittelbar dazu beigetragen, den Anspruch auf Vermittlung integrativer und berufsübergreifender Handlungskompetenz besser einzulösen. Dabei haben ebenso und auch zur didaktisch-methodischen Umsetzung der Handlungsorientierung die neugestalteten Lernräume ihren in der IT-Ausbildung so wichtigen Beitrag geleistet. Die hier nur noch einmal aufgeführten Teilbereiche der Ergebnisse haben in ihrer Gesamtheit daher auf der Grundlage des im Modellversuchsprozess erreichten Entwicklungsstandes zu umfassenden Erkenntnissen geführt, die mit den Modellversuchszielen angestrebt waren und die entsprechend den Entwicklungs- und Arbeitsschwerpunkten die bereits gegebenen Empfehlungen für die Bildungspraxis begründen.

Zur Abschätzung der voraussichtlichen Verwertbarkeit der Ergebnisse des Modellversuchs SEDIKO für die Bildungsplanung kann hier durch den inhaltlichen Zusammenhang von diesen Empfehlungen für die Bildungspraxis ausgegangen werden.

Die Lernfelder der Rahmenlehrpläne für die neuen IT-Berufe bildeten ganz wesentlich die Ausgangsgrundlage für die neuen Lernkonzepte und damit die arbeits- und geschäftsprozessorientierte Unterrichtsgestaltung in den IT-Klassen. Die Akzeptanz dieser Lernfelder basierte darauf, dass sie durch ihre Struktur und in der Summe einen, und zwar von vielen konkreten Geschäftsprozessen, abstrahierten ganzheitlichen Geschäftsprozess repräsentieren. Die Rahmenlehrpläne bieten dadurch Offenheit und Freiräume der konkreten Umsetzung auch unter den Aspekten der Regionalentwicklung an den Schulen und in den IT-Klassen.

Als Rahmenbedingungen für die Lernfeldumsetzung gelten bisher in vielen Ländern Vorgaben für eine Fachstruktur von Unterrichtsfächern zum berufsbezogenen Unterricht, die zwangsläufig die Entwicklung der neuen Lernkonzepte beeinflusste. Die im Ergebnis entwickelten und erprobten zwei Umsetzungsmodelle lassen sich somit in der Breite der Bildungspraxis "verwerten".

Die neuen Lernkonzepte stellen in der Lernfeldumsetzung besonders im Rahmen von Projekten und einer Unterrichtsgestaltung zur integrative Vermittlung von technischen und kaufmännisch-wirtschaftlichen Inhalten eine große Herausforderung in der Bildungspraxis dar. Die im Modellversuch SEDIKO erarbeiteten "Systeme von Projekten" können eine Hilfe und Orientierung für diese Praxis sein.

Mit den neuen Rahmenlehrplänen und Lernkonzepten ist eine schulnahe Curriculumentwicklung auf der Basis der Berufsbilder und Arbeitsinhalte zur Verbesserung der Attraktivität der Berufsausbildung ebenso gefordert wie eine veränderte Unterrichtsorganisation, die vom Blockunterricht über neue Raum- und Raumplanungskonzepte bis zur verstärkten Teambildung der Berufsschullehrer und Berufsschullehrerinnen reicht. Zur Sicherung der curricularen wie didaktisch-methodischen Innovationsfähigkeit der beruflichen Schulen ist daher nach den Modellversuchsergebnissen im Sinne der Schulentwicklung eine Schulorganisation notwendig, die die Kompetenzen der Lehrer unterstützt und fördert und optimale Arbeitsbedingungen zur Umsetzung der neuen Unterrichtskonzepte schafft.

Die mit der Einführung der neuen IT-Berufe verbundene Ausweitung der Anzahl und des Angebots an Ausbildungsberufen im IT-Arbeitsumfeld hat an den Berufsschulen wegen zunächst zu geringer Auszubildendenzahlen zu Problemen der Bildung von den einzelnen IT-Berufen ent-sprechenden Klassen geführt. Die vorgenommenen Binnendifferenzierungen waren wenig er-folgreich und die Erfahrungen im Modellversuch legen die Bildung "vernünftiger" Berufsklassen nahe.

Neue Lernkonzepte erfordern neben dem verstärkten Einsatz multimedialer Lernsysteme neue Lernraumgestaltungen, was insbesondere für eine geschäftsprozessorientierte Unterrichtsgestaltung gilt. Bei Berufen wie den neuen IT-Berufen ist insbesondere eine den Entwicklungen ent-sprechende technisch-mediale Lernraumausstattung unabdinglich, wozu die Modellversuchsergebnisse übertragbare Lernraumkonzepte sowie Einrichtungs- und Ausstattungsvarianten beinhalten. Dabei ist deutlich geworden, dass heute diese Lernräume in ein komplexes IT-Schulnetzwerk einzubetten sind, über das die Lernräume via Internet u.a. auch zu virtuellen Lernräumen bei der Bearbeitung von Projekten werden können.

Die Lernortkooperation in der dualen IT-Ausbildung hat nach den Ergebnissen des Modellversuchs eine neue Qualität erhalten. Die entwickelten Konzepte sind den regionalen Bedingungen der Wirtschafts- und Betriebsstrukturen angepasst und können als Beispiele für die neuen Formen der Zusammenarbeit in der IT-Ausbildung dienen.

Durch die Interdependenzen von Kompetenzvermittlung und Prüfungsverfahren waren durch die relativ schlechten Prüfungsergebnisse bei den neuen IT-Berufen nicht nur die Betriebe aufgeschreckt. Da sich die Berufsschulen für die Leistungen der Auszubildenden in den IT-Prüfungen mitverantwortlich fühlen und Berufsschullehrer und Berufsschullehrerinnen vielfach auch in den Prüfungsausschüssen und unmittelbar an den Prüfungen mitwirken, wurden zur Frage nach möglichen Veränderungen und Verbesserungen im Modellversuch entsprechende Vorschläge als bundesweite Empfehlungen ausgearbeitet.

Die neuen Lernkonzepte führen zugleich zu einer neuen Aufgaben- und Rollenveränderung im Lehrerberuf. Bei den neuen IT-Berufen liegen die neuen Herausforderungen insgesamt auf der Ebene der Berufs- und Fachinhalte wie auf der berufspädagogischen Ebene der Didaktik und Methodik. Da die Berufsschullehrer und Berufsschullehrerinnen ihre Kompetenzen meist vor etlichen Jahren erworbenen haben, sind entsprechende Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen erforderlich.

Die aufgezeigte vielseitige Verwertbarkeit der Ergebnisse des Modellversuchs SEDIKO für die allgemeine Bildungsplanung ist im Ansatz bereits nachgewiesen durch den internen Ergebnistransfer zwischen den Projektpartnern. Die in den Ländern teils sehr unterschiedlich vorfindbaren Bedingungen in der gegenwärtigen Schul- und Unterrichtspraxis mussten zwar berücksichtigt werden, sie waren aber bei der Umsetzung der zentralen Leitideen im Prinzip kein Hindernis. Erreicht wurde dies allerdings durch die enge Zusammenarbeit, die Abstimmung wie das Zusammenführen der Ergebnisse zu einem Gesamtergebnis und den im Verbundprojekt praktizierten wechselseitigen Transfer. Unter Einbeziehung der Bildungsplanung war und ist dies zugleich die Ausgangsbasis für die Verstetigung der Innovationen.

Im Hinblick auf den externen Transfer der Modellversuchsergebnisse wurden bereits während des Modellversuchs verschiedene Maßnahmen geplant und eingeleitet. Dazu zählen die veröffentlichten Berichte, die herausgegebenen Modellversuchs-Flyer, die Beteiligung an den Tagungen des Programmträgers wie auch an anderen Fachtagungen und nicht zuletzt die Durchführung der überregionalen Abschlusstagung, die in den Zusammenhang der bundesweiten Jahrestagung der BAG Elektrotechnik / Informatik gestellt wurde. Nicht unbedeutend ist heute unter externen Transferaspekten auch die Veröffentlichung der Modellversuchsergebnisse im Internet, die in der neuen Form als SEDIKO-Web bereits zu Modellversuchsbeginn zur Verfügung stand und das den Modellversuch z.B. mit den Möglichkeiten des internen wie externen Informationsaustauschs ständig begleitet hat.