Differenzierungen und die Bildung von IT-Klassen bei heterogenen Lernvoraussetzungen und unterschiedlichen IT-Berufen

Unter verschiedenen Aspekten haben sich mit der Einführung der neuen IT-Berufe die soziokulturellen Voraussetzungen der Schüler und Schülerinnen in diesen Klassen verändert. Dies betrifft zunächst den allgemeinen Bildungsabschluss der Auszubildenden, mit dem sich die Lernvoraussetzungen der Schüler und Schülerinnen z.B. gegenüber denen in anderen gewerblichen Klassen im Schnitt verbessert haben. Auffällig ist nach den Untersuchungsergebnissen der eher geringe Anteil mit Hauptschulabschluss und der hohe Anteil an Abiturienten, der sich allerdings in Abhängigkeit vom IT-Beruf auch unterscheidet (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Allgemeiner Bildungsabschluss der IT-Auszubildenden

Zu der Modellversuchsfrage nach notwendigen Differenzierungsmaßnahmen im IT-Unterricht spielen nach den Ergebnissen die formal unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schüler und Schülerinnen eher eine untergeordnete Rolle. Für den Lernerfolg ist vielmehr die Motivation und Begeisterungsfähigkeit sowie der individuellen Zugang zur Informationstechnologie entscheidend und meist weniger die schulische Vorbildung. Nicht unbedeutend sind dazu die häufig im privaten Bereich schon erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang mit dem Computer oder die bereits vorliegenden Erfahrungen aus den Betrieben. Die neuen Herausforderungen in der Unterrichtsgestaltung der IT-Klassen liegen daher teils darin, die "Vorkenntnisse" der Schüler produktiv für die Lernprozesse in der Klasse zu nutzen und diese z.B. durch Aktivitäten im Sinne von "Lernen durch Lehren" weiter zu fördern. Insofern ist als Ergebnis festzuhalten:

Des weiteren hat sich in den IT-Klassen gezeigt, dass das Alter der Auszubildenden oft ein breites Spektrum aufweist. Dies hängt u.a. mit der besonders am Anfang hohen Zahl der Umschüler und Quereinsteiger bei den neuen IT-Berufen zusammen. Bedingt durch ihr Alter und ihre Sozialisation, so die Erfahrungen im Modellversuch, bedarf diese Gruppe durch ihr teils auffälliges und von den "normalen" Auszubildenden abweichendes Sonderverhalten z.B. hinsichtlich Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und auch Teamfähigkeit häufig der besonderen Zuwendung und einer Eingewöhnung in die Arbeit der Berufsschule. Hinzu kommt, dass deren Einstellungstermine in den Betrieben überwiegend nicht mit dem normalen Ausbildungsbeginn übereinstimmen und sich von daher deren Integration in die Klassen nicht selten erschwert. Zur Unterrichtsgestaltung in den IT-Klassen sind so zum Teil abgestimmte Differenzierungsmaßnahmen erforderlich. Für alle Auszubildenden ist aber generell festzustellen:

Bei den IT-Berufen ist in der Differenzierung ebenso zu berücksichtigen, dass einzelne Aus-zubildende oder ganze "Betriebs-Klassen" aufgrund ihrer Vorbildung und der Ausbildungsverträge nicht selten statt der dreijährigen Ausbildung nur eine auf zwei Jahre verkürzte Ausbildung machen. Die Berufsschule hat sich darauf mit besonderen Klassen eingestellt und im Modellversuch konnten entsprechende Erfahrungen gesammelt werden. Obwohl die zur verkürzten Ausbildung notwendigen Veränderungen bisher im Endergebnis überwiegend erfolgreich umgesetzt wurden, sollte dennoch aus der Sicht des Modellversuchs der Ausbildung über drei Jahre der Vorzug gegeben werden, um

Bildungspolitisch war mit der Einführung der neuen IT-Berufe auch das Ziel verbunden, den Anteil an Frauen in diesen Berufen wesentlich zu erhöhen. Dieses Ziel ist allgemein bisher nicht erreicht worden (siehe Abb. 2). Entsprechend war der Anteil an Frauen in den Modellversuchsklassen nicht besonders hoch. Grundsätzlich und insgesamt liegen aus dem Modellversuch aber positive Erfahrungen vor, wenn Frauen in den IT-Klassen die Unterrichtsgestaltung und Lernprozesse mitbestimmen. Sie tragen insbesondere, selbst wenn nur ganz wenige weibliche Auszubildenden in einer Klasse sind, zu einem angenehmeren Sozialverhalten auch der männlichen Auszubildenden im Unterricht bei. Geschlechterspezifische Differenzierungen im Unterricht oder von IT-Klassen, wie u.a. an den Hochschulen erprobt, haben sich nach den Ergebnissen des Modellversuchs z.B. weder wegen irgendwelcher Diskriminierungen noch zur besonderen Förderung von weiblichen Auszubildenden als nicht erforderlich erwiesen. Nach den vorliegenden Erfahrungen und um auch das bildungspolitische Ziel zu stützen gibt der Modellversuch die Empfehlung:

Abb. 2: Entwicklung der Frauenanteile in den dualen IT-Ausbildungsberufen

Die weitere Modellversuchsfrage nach den möglichen oder notwendigen Differenzierungsmaßnahmen im IT-Unterricht, wenn in einer Klasse mehrere der neuen IT-Berufe beschult werden, steht im Zusammenhang mit der Grundfrage der Bildung und Zusammensetzung von Klassen für letztlich alle dualen Berufe IT-Arbeitsumfeld (siehe Abb. 3).

Abb.3: Übersicht und Entwicklung der dualen Berufe im IT-Arbeitsumfeld

Zur Grundfrage ist als Hintergrund einerseits von Bedeutung, dass, wie auch an den Modellversuchsschulen, die Anzahl der IT-Klassen an einer Berufsschule in 1997 von z.B. 2 oder 3 auf heute weit über 20 IT-Klassen angestiegen ist. Andererseits, und ansonsten wäre diese Entwicklung nicht im Ansatz von den Schulen verkraftbar gewesen, muss der Berufswandel im IT-Arbeitsumfeld im Zusammenhang mit der veränderten Bedarfs- und Nachfragesituation der Betriebe berücksichtigt werden. Das heißt, mit der Einführung der neuen IT-Berufe hat ja zugleich in großem Umfang eine Substitution von anderen "alten" und zum Teil aufgelösten Berufen stattgefunden (siehe Abb. 3), wodurch auch entsprechende alte Klassen an den Berufsschulen nicht mehr gebildet und beschult werden mussten.

Aufgrund der technisch-wirtschaftlichen Struktur der neuen IT-Berufe und der nicht mehr eindeutigen Zuordnung zu einem Berufsfeld war zu diesem Entwicklungs- und Substitutionsprozess am Anfang aber nicht nur unklar, an welchen Berufsschulen die entsprechend neuen Klassen gebildet werden sollten. Auch die Zahl der Auszubildenden war am Anfang noch relativ gering, so dass an vielen Berufsschulen aufgrund nicht ausreichender Schülerzahlen und der administrativ vorgegebenen Klassenfrequenzen nicht für jeden der neuen IT-Berufe eine eigene Klasse gebildet werden konnte. Herausgebildet haben sich so je nach Land und Region sehr unterschiedliche Beschulungsmodelle (siehe Modellversuch SEDIKO 2000, Kapitel 1), die je für sich spezifische Fragen der Gestaltung und Differenzierung zum Unterricht in den IT-Klassen aufgeworfen haben.

Abb. 4: Gemeinsame Beschulung aller vier IT-Berufe in einer Klasse

An den Modellversuchsschulen, wie beispielsweise an der Meinert-Johannsen-Schule in Elmshorn, einer Kreisberufsschule in Schleswig-Holstein, sind nach Einführung der neuen IT-Berufe bedingt durch die Schülerzahlen teils Klassen mit allen vier IT-Ausbildungsberufen gebildet worden (siehe Abb. 4). Aus Schulsicht vertretbar erschien dies auch durch die für alle neuen IT-Berufe identischen Struktur der Lernfelder in den Rahmenlehrplänen, die damit fast die Möglichkeit einer leistbaren beruflichen Binnendifferenzierung im IT-Unterricht nahe legen. Die Ergebnisse des Modellversuchs hierzu zeigen aber, dass Schüler wie Lehrer insbesondere mit der beruflichen Differenzierung überfordert sind und der Unterricht nur unter großen Schwierigkeiten aufrecht erhalten werden konnte.

Bei größeren Schülerzahlen ergeben sich andere Beschulungsmodelle, in denen z.B. Klassen durch die Zusammenfassung der Berufe IT-System-Kaufmann/-frau und Informatikkaufmann/-frau auf der einen und der Berufe IT-System-Elektroniker/-in und Fachinformatiker/-in auf der anderen Seite gebildet werden. Nach den Erfahrungen reduzieren sich in diesen Modellen die Probleme und Schwierigkeiten und die berufliche Differenzierung in solchen Klassen scheint (in Verbindung mit der Standortfrage zwangsläufig) leistbar.

Abb. 5: Beschulung der vier IT-Berufe in drei getrennten Klassen

Zur Grundfrage der Klassenbildung wären idealerweise vor dem gegenwärtigen Hintergrund aller neun IT-Berufe im IT-Arbeitsumfeld für jeden der Berufe eine Klasse und damit insgesamt neun Klassen zu bilden (siehe Abb. 3). Dies ist wegen der Auszubildendenzahlen und mit dem Anspruch einer ortnahen Beschulung jedoch in den meisten Regionen nicht möglich. Für die Berufsschulen der Länder und Regionen bleibt damit die Grundfrage der Klassenbildung ein Problem, welches mit der generellen Frage einer vernünftigen und sinnvollen Struktur der Berufe im IT-Arbeitsumfeld, und zwar übergreifend für Industrie und Handwerk, im Zusammenhang steht. Da eine grundlegende Abhilfe und Lösung kurzfristig nicht in Sicht ist, die auch von den bevorstehenden Neuordnungen nicht zu erwarten ist, bleibt eine pragmatische und schulorganisatorisch bedingte Problemlösung an den Schulstandorten oft nicht aus. Wenn daher eine Zusammenfassung bzw. Zusammenlegungen von Berufen in einer Klasse nicht vermieden werden kann, dann sollten aber die Strukturen und Inhalte der Berufe, und nicht nur vorschnell die Lehrplaninhalte, ein wichtiges Kriterium sein.

Bezogen auf die neuen IT-Berufe gibt der Modellversuch unter Vorbehalt und Einbeziehung von Untersuchungsergebnissen aus der bundesweiten IT-Studie (vgl. Petersen/Wehmeyer 2001, S. 201ff.) die Empfehlung:

Der Vorbehalt ist hier in der Weise zu sehen, dass sich bisher in der Praxis eine Berufsnähe weniger zwischen den beiden kaufmännischen IT-Berufen gezeigt hat, sondern der Beruf Informatikkaufmann/-frau eine hohe inhaltliche Identität mit den Berufen Fachinformatiker/in Fachrichtung Systemintegration und IT-System-Elektroniker/-in aufweist (vgl. ebenda).